05.04.2020

Der Ruf

Wer ruft?

Mütter ihre Kinder, Kinder ihre Mütter. Wenn die Mutter ausser Haus ist, rufen auch die anwesenden Väter. Wir geben und suchen Schutz und Geborgenheit. Hörst du, ich bin da. Wo bist du?
Das ist bei allen Tierarten so und die Herde bleibt zusammen. Natürlich verbunden und nicht allein. Gefressen werden vorwiegend die Ausgegrenzten.

Ruftöne sind beliebig einstellbar und die Lautstärke ist ebenfalls wählbar. Sie entsteht in der Regel spontan, die Gemütslage ist entscheidend.

Bitte überprüfen Sie die Einstellungen Ihres Apparats.

Der Ruf meiner Mutter ist heute eine alte Erinnerung und etwas wie eine innere Stimme geworden. Mit den inneren Stimmen wird es viel komplizierter. Selbstgespräche aus weiter Ferne sind kaum zu verstehen. Im Gegensatz dazu sind Anrufe von aussen verständlich und halten uns auf Trab.
Die Frage nach dem Missverständnis stellt sich nicht unmittelbar beim standardisierten Informationsaustausch. Wir reden vielleicht an einander vorbei, aber ohne es zu merken. Hauptsache die Botschaft verbreitet sich. Alle hören dasselbe.

Wer ruft?

Werbung will manipulieren und wir reagieren mit Konsum. Die innere Stimme, die unsere wahren Bedürfnisse fordert, wird flächendeckend übertönt. Wir leben in der Illusion des freien Willens, weil wir von Anfang an lernen zu gehorchen. Wer gehorcht ist frei von negativen Folgen für das persönliche Wohlbefinden.
So tönt das gemeinsame Kredo aller Angsthasen und das ist leider auch die Grundlage für totalitäre Systeme.

Wer ruft?

Meine innere Stimme wird dann laut, wenn ich nicht glaube, was ich von aussen höre. Wir leben in einem babylonischen Nachrichtenwirrwarr und in der vermeintlichen Krise zeichnet sich das erfolgreiche Management durch klare, vereinheitlichte Informationen aus. Sicherheit aus der Wiederholung, der Glaube wird gefestigt. Auch wenn es sich um materielle Interessen und Argumentationen handelt, tönt das fast religiös. Und wirklich entsteht aus Eifer Religion, wenn wir uns an Regeln klammern, die uns Rettung versprechen.

Rettung wovor, wer ruft?

Mani Matter hat das Lied «Chue am Waldrand» für uns hinterlassen. Es beschreibt unerfüllte Erwartungen und die Wirklichkeit «danach». https://www.youtube.com/watch?v=Gc-iqmOUWFQ
Mich erinnert diese Geschichte an meine Schulzeit und dem täglichen Spannungsfeld zwischen dem vorbereiteten Programm dozierender Pädagogen und der tatsächlichen Befindlichkeit von uns Schülern im aktuellen Moment. Mit Begeisterung und Humor lässt sich das zu einem sinnvollen Austausch gestalten und die theoretische Vorlage bleibt aussen vor. Dann geschieht wirklich etwas, das lebt und bewegt. Ein Dialog entsteht.
Meistens geschah leider nichts. Das fand ich langweilig. Langeweile kann wahnsinnig unruhig machen. Es regt sich Widerstand, der mit wirkungsvollen Massnahmen eingedämmt und zum Verschwinden gebracht wird. Drohungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Manchmal kommen auch chemische Hilfsmittel zum Einsatz. Die wirken garantiert.

Und was sagt die innere Stimme?

Auch hier stellt sich die Frage, wem das Wort erteilt wird. Wir sind vielschichtige Wesen und nie eindeutig fassbar. Ich trage vom ersten Tag an ein Erbe in mir, das sich wegweisend entfalten kann. Die Verantwortung liegt bei mir.
Ich hatte Glück und mein Drang zur Kreativität wurde nicht unterbunden. Das hatte sicher auch mit geglückter Konformität zu tun. Ich glaube, wir können innere Bedürfnisse unter widrigen Umständen gut verstecken. Kinder passen sich sehr schnell äusseren Gegebenheiten an, sie sind von sich aus wertfrei und leben schicksalsergeben.
Ein Kind singt ohne Unterstützung und unaufgefordert. Dieses natürliche Bedürfnis ist eine innere Stimme. Vorbilder sind wegweisend und wer mit sich im Gespräch ist und über sich selbst lachen kann, spürt ob die Richtung stimmt.

Ich lasse mich gern überraschen und reagiere danach. Das habe ich ein Leben lang so praktiziert. Vielleicht sind mir deshalb meine Ängste nicht über den Kopf gewachsen, wie dem armen Kerl im Lied «Bim Coiffeur» von M.M..
https://www.youtube.com/watch?v=IuxpNcGwdAg

P.S.
Vielleicht wächst unser Ruf auf den emotionalen Spuren, die wir im Zusammenleben hinterlassen. Könnte doch sein, oder?

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