16.03.2020

Frühlingsgefühle

Ausnahmezustand – alle Auftritte abgesagt

Sonntag im März 2020. Der landesweite Stillstand liegt in der Frühlingssonne. Das Vogelgezwitscher am Morgen früh und in der Abenddämmerung tönt stark und macht mir gute Stimmung.
Und so bin ich einsam unterwegs in menschenfreien Zügen, die fahrplangetreu an menschenleeren Bahnsteigen anhalten und mit wenigen deplatzierten Fahrgästen das Land durchkreuzen. Der öffentliche Verkehr in absoluter Reduktion. Nichts geht mehr. Alles abgesagt.

Weil die Menschen glauben, was von oben gesagt wird und sich in wuchernden Ängsten selbst verlieren, steht das Geschäftige still.
Eine Pause in der Überforderung ist eigentlich gar nicht so schlecht, finde ich.

Aber was machen wir daraus?

Ungewollt eröffnen sich uns kreative Möglichkeiten.

Eifrige bleiben eifrig. Die Lage ist ernst und Humorferne lachen jetzt gar nicht mehr.

Für mich ist Humor bei jeder Gelegenheit die passende Reaktion, er macht munter und angstfrei. Wenigstens vorübergehend.

Wir fürchten uns immer wieder, ganz bestimmt. Angst ist für alle gratis und ein klar definiertes Gefühl, kein Wischiwaschi. Angst bewegt die Welt. Haben wir nicht alles zu verlieren?
Wie viele Experten und Vorgesetzte, besonders die sehr wichtigen (und das denken eigentlich alle von sich), spiegeln ihre äussere Grösse in einem sehr kleinen inneren Ich? Schicksalshaft behandeln CEOs Untergebene vorbildlich pflichtbewusst oder sogar arrogant, ohne es zu wissen aus Angst? Der Wald ruft zurück.

Mein Schwiegervater ist blind. Zu ihm fahre ich in diesem Zug. Die Corona Virus Vorsichtsmassnahmen treffen ihn hart. Er ist alt und lebt allein mit seinem Hund. Damit ihm nichts passiert, ziehen sich nun alle von ihm zurück.
Ein Händedruck hat für ihn die Funktion des Sehens, auf diese Weise spürt er sein Gegenüber. Die Kinder seiner Yogalehrerin haben sich mit ihm und seinem Hund angefreundet, sie bringen Licht in seinen Alltag. Nun dürfen sie ihn nicht mehr besuchen.
Mein Schwiegervater ist ein humorvoller Mensch ohne Angst. Die verordneten Krisenmassnahmen zwingen ihn zur Einsamkeit. Heute hatten wir wieder erhellende Gespräche, auch über den Tod.
Von ihm habe ich viel Wesentliches erfahren, das uns alle betrifft. Wir erforschen beide seelische Prozesse und arbeiten mit ihnen. Sein beruflicher Hintergrund ist C.G. Jung, meiner die Wirkung von Musik.

In menschlichen Gesellschaften wird ausgegrenzt, wer uns nicht interessiert oder unsere angewöhnte Sichtweise in Frage stellt. Die Angst vor Ausgrenzung und Einsamkeit macht viele zu Mitläufern, die sich reflexartig über Nonkonformes empören und schlechte Stimmung verbreiten, Nährboden für Angst.

Der oberste Leitsatz in der reichen Leistungsgesellschaft gebietet uns, alles in den Griff zu kriegen. Daraus resultiert der Kontrollwahn, und die Digitalisierung macht das erst recht möglich. So tun wir immer wieder, ohne unser Handeln sorgfältig zu hinterfragen, was möglich ist.

Ich bin überzeugt, dass alles Menschenmögliche nie reicht. Wir überschätzen uns. Kein Grund Lebensfreude anzuzweifeln und einen wohltuenden Besuch abzusagen. Das Leben ist schön, der Frühling ist da.





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